Ich verzichte seit einigen Wochen auf Kohlehydrate - freiwillig. Seit einigen Monaten verzichte ich offenbar auch auf Östrogen - unfreiwillig.
Ich habe schon viel über Wut in den Wechseljahren geschrieben. Über kleinere und größere Vulkanausbrüche gepaart mit kleineren und größeren Schweißausbrüchen. Jetzt weiß ich zum Glück endlich, worüber ich geschrieben habe.
Vielleicht haben wir auch gerade Sonneneruptionen, einen rückläufigen Merkur und hohe Schumannfrequenzen, zu viele Fliegen in der Wohnung, kollektive Pupse quer sitzen oder akuten maskenbedingten Sauerstoffmangel im frontalen Kortex - seit jedenfalls neben meinem Hormonpolster nun auch mein Spaghettikissen weggefallen ist, pöbele ich hemmungslos und haltlos harmlose und hernach erschrockene Mitmenschen an.
Meine Lunte ist kurz, ich esse Rohkost und bin Rohkost - emotional.
Gestern hatte ich eindeutig eine Sternstunde:
Zuerst musste ein armer Audifahrer vor der Waschanlage daran glauben, der meinte, ich hätte ihm nicht genug Platz gelassen. "Meine Güte, fahren Sie doch einfach durch! Ihr Auto ist auch nicht größer, als die der Anderen!", schreie ich über meine Tochter hinweg durchs geöffnete Beifahrerfenster, während meine Tochter geschmeidig in den Fußraum meines VW-Busses gleitet, um nicht mit mir in Verbindung gebracht werden zu können.
Kurz darauf ranze ich meine 82-jährige Mutter an, dass sie doch nun bitte endlich zum Hörgeräteakkustiker gehen soll, da die Kommunikation mit ihr wirklich anstrengend ist. Zum Glück bin ich gar nicht anstrengend.
Ein weiterer ahnungloser Autofahrer, der ob meiner unkoordinierten Ausparkmanöver wohl nicht recht weiß, wie und wo er sich verhalten soll schickt mir eine aufgebrachte Handbewegung gepaart mit unartikulierten Urlauten durch den Spätsommerwind. Sicherlich fährt er damit im Regelfall bei Frauen recht gut und kann sein Tagwerk authoritätsgeladen fortsetzten. Im Regelfall. Nicht gestern. "Waaaaaas!!!!!!!! 🤌🏽", pöbele ich. Dabei bricht sich eine, wohl aus einem anderen Leben stammende, typisch italienische Handbewegung ganz natürlich bei mir Bahn.
Seine Reaktion gar nicht erst abwartend, brause ich von dannen.
Kennt ihr den Film "Grüne Tomaten"? Die Szene, in der Kathy Bates auf dem Supermarkt-Parkplatz einfach das Auto des Mannes immer wieder rammt, der ihr den Parkplatz weggenommen hatte?
Ich habe schlimme Befürchtungen. Zu Recht.
Meinen ganz persönlichen Höhepunkt habe ich auf dem Edeka Parkplatz in Henstedt-Ulzburg.
Mit einem Affenzahn rast ein vielleicht 13-jähriges Mädchen ganz knapp auf ihrem Skateboard von hinten an mir vorbei. Im Normalfall stoße ich vor Schreck einen spitzen "Tante-Rita -Schrei" aus, der leicht mit einem lauten Schluckauf nach zu viel Kohlensäure zu verwechseln ist. In diesem Fall ruft eine Frau, die ich nicht kenne: "Pass' doch auf, das war gefährlich, du blöde K…..!" Ich kann mir das "uh" gerade noch verkneifen, da der Schreck über meinen Ausbruch den eigentlichen Schreck schnell überlagert.
So ist es also um mich bestellt. Ich erinnere mich gerade daran, dass ich Ende letzten Jahres mit meiner Nachbarin Jahreskarten für 2021 gezogen habe. Meine war Kali.
Ein Jahr voller Trauer. Wut. Transformation. Eine starke und schwere Karte. Ich hatte mir so sehr ein leichtes Jahr gewünscht. Aber Transformation kommt ja auch noch. Außerdem bleiben mir noch die Kohlehydrate.