„Ist das Ihre Katze da auf dem Dach?“
fragt mich eine aufgeregte ältere Dame nachdem sie bei uns Sturm geklingelt hat. Ich schaue nach oben und tatsächlich: Unser Kater Rocky veranstaltet anlässlich seines gestrigen fünften Geburtstags ein öffentliches Schaulaufen für seine Anhängerschaft auf seinem ganz persönlichen Catwalk.
„Der ist doch so ein Hübscher. Das geht doch bestimmt nicht gut.“
WIE BITTE? Ich würde sagen, das ist ein ganz schwerer Fall von Katzismus, den ich hier bezeugen darf.
Nur weil der Kater hübsch ist soll er nicht in der Lage sein, sich auf dem Dach des ziemlich großen und hohen Bauernhauses, in dem wir wohnen zu vergnügen, ohne runterzufallen.
Nicht in der Lage sein, gute, verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen? Tztztz .... Immerhin hat Rocky in den vergangenen zwei Jahren, in denen wir hier auf dem Lande wohnen einiges an Körperteilen gelassen, um sich seinen Status als Andy Garcia unter den Dorfsheriffs zu erkämpfen. Von den Tierarztrechnungen einmal ganz abgesehen.
Jeden Morgen macht er nach dem Frühstück seinen engagierten Kontrollgang, überprüft, ob die Kühe noch genug Wasser haben und protokolliert unerlaubte Mindestabstände bei seinen Artgenossen.
Das Ganze mit einem lässigen, breitbeinigen Gang, der darauf hindeutet, dass er ganz offensichtlich bereits vergessen hat, dass wir ihn vor 4 Jahren seiner physischen Männlichkeit beraubt haben.
Zudem gehen wir davon aus, dass er mit List und Tücke und einem sehr genau ausgeklügelten Plan, den er während seiner mindestens 21stündigen täglichen Meditationszeiten geschmiedet hat, die alte arthritische Hofkatze letztes Jahr zu einem verzweifelten Suizid unter den Treckerreifen unseres Vermieters gelockt hat, der gerade rückwärts aus dem Schuppen ausparkte, was ihn wiederum zum alleinigen Herrscher über das hiesige Anwesen machte.
Ich bedanke mich also freundlich bei der älteren Dame für ihre Fürsorge, gehe auf unsere Terrasse und rufe den Sheriff, der hocherfreut und behende über die Dachstufen für den Schornsteinfeger das Dach hinunterläuft, auf die Terrasse springt und tut als wäre nichts gewesen. Ich vermute, dass es nicht seine erste Parade da oben war.