„Das ist mein Herzblut hier.“ sagt Mirco S., der zweite Vorsitzende des Kleingartenvereins „Rudbeckia“.
„Muss aber auch alles im Rahmen bleiben- verstehen Sie?“ Ich verstehe oder vermute zu verstehen.
Ich habe mich im Rahmen meiner akuten Gartensehnsucht in einen Schrebergarten in einem kleinen Dorf in der Nähe verliebt. Der jetzige Pächter, ein evangelischer Pastor, hat dort innerhalb eines knappen Jahres einen fantastischen Permakultur-Garten angelegt.
Allerdings ist durch diese völlig andere Art der Gartenkultur und durch ein paar andere Unwägbarkeiten, wie das Hissen einer Regenbogenflagge, das Verhältnis zwischen Ihm, dem Pastor, und dem Vorstand des Kleingartenvereins offensichtlich ein wenig erkaltet.
Ich bin jedenfalls alles andere als erkaltet, wandele durch pralle Tomaten und glänzende Auberginen, bewundere einen Riesenkohl, lasse mich von einer Topinambur anlächeln und stecke mir verstohlen eine Stachelbeere in den Mund, während ich den Anbaupraktiken des Pastors lausche. (Entweder gibt es viel mehr Pastoren als ich dachte oder das Universum will mir etwas mitteilen, indem es mir in regelmäßigen Abständen den einen oder anderen in mein Leben schickt)
Ich stehe jedenfalls total auf Permakultur. Nach einem Seminar vor einigen Jahren ist das für mich die sinnvollste Art der Anbaukultur überhaupt.
Ein nachhaltiger Kreislauf, in dem sich alles gegenseitig unterstützt und darauf ausgerichtet ist, dass der Mensch so wenig wie möglich eingreifen muss.
Wasserflächen werden als Sonnenlichtreflektoren genutzt und große Steine als Wärmespeicher, um auch temperaturempfindlichere Pflanzenwesen willkommen zu heißen. Hohe Pflanzen helfen denen, die eine Rankhilfe benötigen und großblättrige geben empfindlichen Wurzeln Schutz.
Es gibt keine Unkräuter, nur Beikräuter, die gleichzeitig als Mulchschicht verwendet werden. Tiere sind in jeder Art willkommen und werden höchstens zu für sie attraktiveren Möglichkeiten umgelenkt, wenn sie zu „übergriffig“ werden sollten.
Das lässt sich natürlich auch ganz prima auf wünschenswerte Gesellschaftsformen, Firmenstrukturen und Team-Building übertragen, und auf unsere Welt im Allgemeinen.
Vielleicht ahnt aber die eine oder andere bereits, dass sich das mit gängigen Kleingartenstatuten nicht so gut verträgt.
Jedenfalls gibt es einen Bandscheibenvorfall, der, neben anderen Vorfällen dazu geführt hat, dass dieser wunderbare Garten abgegeben werden soll. Die Pacht für das Jahr ist bezahlt und man möchte dieses Paradies schnellstmöglich loswerden.
Mirco S., der zweite Vorsitzende, der das Grundstück nach einem dieser Vorfälle nicht mehr betritt, bestätigt das.
„Naja, der hätte ja sagen können, dass er hier so ein Pirmasens machen will.“
„PIrmasens? Sie meinen Permakultur?“, frage ich. „Na, sag ich ja. Und das geht ja auch ein bisschen geordneter, so ein Pirmasens. Ich hab mich da mal schlau gemacht. Man ist ja auch offen für Neues. Ich lass’ immer mit mir reden. Vorne am Aushang steht meine Handynummer. Rufen Sie mich an. Sie können den Garten gern übernehmen, wenn Sie möchten.“
„Klar. Ich melde mich.“, erwidere ich einigermaßen freundlich und trete möglichst zügig meinen Rückzug über den gerade letztes Jahr erneuerten Schotterweg an, auf dem sich schon jetzt wieder die Natur in Form einiger ärgerlicher Grasbüschel zeigt, um die sich Herr S. gleich kümmern wird.