Ich gehe nicht gern allein spazieren. Ich kann dem sinnlosen Umherwandern nicht so viel abgewinnen - weiß aber, dass es mir guttut. Wie das eben so ist mit Dingen, die guttun. Selleriesaft zum Beispiel.
Aus diesem Grund bin ich immer dankbar, wenn meine liebe Nachbarin verhindert ist und mir ihren Labrador anvertraut. Mit Hunden macht Spazierengehen Sinn. Und mit anderen Menschen natürlich auch ein bisschen
.Heute ist Lea aus Berlin bei uns zu Besuch. Da sie unter akutem Naturmangel leidet, schlage ich generös eine Runde durchs Nienwohlder Moor vor, ohne diese jemals zuvor selbst gelaufen zu sein. Dazu leihen wir uns noch Romy, den erwähnten Nachbarslabrador aus, obwohl meine Nachbarin zuhause ist, damit alles noch mehr Sinn macht.
Es sind angenehme 23 Grad, das Leben ist schön, der Hund ist hochmotiviert - das ist keine Selbstverständlichkeit, Lea entzückt von jedem Baum und der Landschaft im Allgemeinen. Wir führen tiefe Gespräche, setzen uns auf Bänke
,singen ein wenig oder schweigen angenehm. Nach einer Weile zieht uns eine Wiese in ihren Bann. Der große Findling am Rande verspricht, hier die Quelle der Norderbeste zu finden. Quellen sind immer gut finden wir, kraftvoll, heilig - ihr wisst was ich meine. Also lassen wir uns dort nieder. Die Quelle an sich hatten wir uns anders vorgestellt. Das hier ist eindeutig nur ein kleines mooriges Loch und kein sprudelnder Lebensquell, der Kühlung und Verjüngung verspricht. Also gehe ich mit Romy das kleine Rinnsal entlang, um irgendwo etwas Sprudelndes auszumachen. Lea liegt derweil im Gras und singt. Wir haben keine Eile. Plötzlich ein Hupen. Der Fahrer des Pickups, der neben unserem Rastplatz parkt blickt ganz eindeutig in meine Richtung, während Lea neben ihm im Gras immernoch singt und davon nichts mitzubekommen scheint. Ich mache mich mit Hund auf in seine Richtung und nehme näherkommend noch weitere Details wahr. 1. er schaut in meine Richtung, und zwar nicht besonders freundlich, 2. er ist ungefähr in meinem Alte
r3. er hat zwei beschnullerte Kleinkinder unangeschnallt auf seinem Schoß und dem Beifahrersitz. 4. Lea singt immer noch
.„Halloho!“ schmettere ich ihm freundlich entgegen.
Er schmettert zurück, dass es nicht ok ist, den Hund unangeleint laufen zu lassen.
Oha, denke ich - er hat Recht. Daran hatte ich als unaufmerksame Leihundspaziergängerin nicht gedacht - was aber auch daher rührt, dass Romy eine so überaus gehorsame und entspannte Begleiterin ist, dass ich ihr sofort das Fehlen jeglicher animalischer Instinkte attestieren würde.
(Vorausgesetzt sie ist nicht läufig - siehe auch “Spaziergang im Wald”)
Das ist jetzt allerdings nicht relevant, beschließe ich, da der Moorsheriff gegen derartige Entschuldigungen bestimmt (berechtigt) immun ist. Also nehme ich Zunge und Hund an die Leine und entschuldige mich.
Damit ist es allerdings noch nicht getan. Was wir denn auf der Wiese machen würden? Liegen, singen, entspannen.... (Auch Lea hat mittlerweile gemerkt, dass wir gemeint sind)
Das sei auch nicht ok, da Grundstücke neben den Wegen grundsätzlich Privateigentum seien. Ich verkneife mir, dass mir dieses gänzlich neu ist und ich es zudem stark anzweifele, da es hier offensichtlich um etwas anderes geht. Ebenso lasse ich unerwähnt, dass man sicherlich zweierlei Meinung über unangeschnallte, beschnullerte Kleinstkinder auf Vordersitzen sein könnte. Nun denn. Wir sind freundlich und verweisen auf den Findling, der hier auf eine Quelle hinweist, die wir besuchen wollten
.„Ahaaaaa“, entgegnet er etwas süffisant. „Wissen Sie denn überhaupt, wo die Norderbeste hinfließt?“ in diesem Moment passiert etwas sehr Merkwürdiges. Verursacht durch mein Schultrauma ( Ihr erinnert euch: Physik 5, Chemie 5; sonst bitten lesen: “Im Schwimmbad”) mutiere ich innerhalb von Sekunden zu der 14-jährigen Katja und antworte gehorsam: “In den Grabauer See”. “Und dann”, fragt der Sheriff. “In die Trave”, kontere ich. “Und dann?” lässt er nicht locker. “Durch Bad Oldesloe, Lübeck und Travemünde in die Ostsee.!” Ha! Ich staune selber darüber, aus welchem Hirnareal ich diese Informationen gezaubert habe
.“Stimmt!” Jetzt wirkt er doch einigermaßen verwundert, irgendwie auch besänftigt - haben wir uns doch gerade offensichtlich durch geografische Expertise die Legitimation erteilt, diese Quelle besuchen zu dürfen. Schnell nutzen wir den kurzen Moment des Erstaunens, wünschen einen schönen Tag und ziehen von dannen
.Habe ich eingangs eigentlich erwähnt, dass wir weder Uhren, Handys geschweige denn Wasser dabei hatten? Es sollte ja nur ein kleinerer Spaziergang werden. Unser Zeitgefühl hat uns jedenfalls spätestens nach dieser Episode vollends verlassen. Mit meiner Orientierung ist es auch nicht mehr so dolle. Ich weiß nur, dass wir tendenziell nach rechts müssen. Rechts ist allerdings nicht möglich, da es schlichtweg keine Wege gibt, die nach rechts führen. Ich fühle mich etwas müde und ratlos. Ein älteres Radfahrerpaar, das glücklicherweise hinter uns aus dem Nichts auftaucht ermittelt per GPS unseren Standort und fragt, ob wir nicht von hier seien. “Nein, sind wir nicht. Wir sind heute morgen am Hauptbahnhof in Hannover gestartet und haben uns jetzt irgendwie verlaufen”, würde ich nur zu gern erwidern, muss jedoch ehrlich wie ich bin gestehen, in Nienwohld zu wohnen und es in über einem Jahr noch nicht geschafft zu haben eine vollständige Runde durchs Moor zu drehen.
Mittlerweile wissen wir durch die gute technische Ausstattung des älteren Herren, dass wir seit über 4 Stunden unterwegs sind und noch ein Streckchen vor uns haben. Wie konnte das passieren? Ist das Moor ein Ort, an dem die Zeit im morastigen Boden einfach versickert? An dem Unbekannte seltsame Fragen stellen, um dir Orientierung und das letzte verbliebene Zeitgefühl zu nehmen
?Romy blinzelt durstig, ich denke an meine Nachbarin, die davon ausgehen muss, dass wir auf ewig im Moor versunken sind, und in 1000 Jahren in einer marsianischen Variante des Schlosses Gottorf hinter Panzerglas zu bewundern sein werden. Ich frage das nette Ehepaar vorsichtshalber noch nach einer seriösen Adresse für neue Hüftgelenke, Lea ist mit ihren 21 Jahren noch frisch wie der Morgenwind.
Wir beschließen, dass der erste Hof am Horizont unserer sein wird.
Die Bäuerin versorgt den Hund und uns mit Wasser, nicht ohne zu fragen, ob wir nicht von hier seien..., und ihr Sohn versorgt uns mit seinem Mobilfunknetz. Meine Tochter Hannah versorgt uns mit einer Mitfahrgelegenheit nach Hause und spöttischen Blicken
.Ich nehme mir vor, zukünftig mehr Selleriesaft zu trinken
.
Merke:
Tour im Nienwohlder Moor beginnend bei Dorfstraße 47: 9,85 km
Dauer: ab 2,5 Stunden (Normalsterbliche) bis ~ (Unerfahrene)
Mitnehmen: 1. Handy, 2. Wasser, 3. Schutzamulett
Achtung: 1. Hund anleinen, 2. Wege nicht verlassen, 3. sich von Fremden nicht in Fragespiele verwickeln lassen (ggf. unter Punkt “Mitnehmen” Nr. 3 anwenden)