„Da ssetzen wir jetzt erstmal eine ssolide Betäubung“,
säuselt meine Zahnärztin mit leichtem dänischen Akzent.
Ich weiß mittlerweile, dass dieser Satz, der mich anfänglich so sehr beruhigt hat nichts Gutes bedeutet.
Mit einer unerbittlichen Genauigkeit und jahrzehntelanger Erfahrung setzt sie die Spritze verlässlich in den Nerv, der spontan meine rechte Gesichtshälfte inklusive Ohr lahmlegt.
Er hat bestimmt einen schönen lateinischen Namen, den ich nicht kenne. Ein elektrischer Impuls durchzuckt mein Gesicht, ich stöhne, vergesse aber die linke Hand zu heben - unser Safeword sozusagen.
Meine Zahnärztin haucht derweil lediglich ein paar „Immer sschön atmen, gut machen ssie das, aussatmen nicht vergessen, ssehr gut…. sseeeeehr gut.”
Diejenigen unter euch, die Gitte Henning noch kennen, bitte ich, die letzten Sätze einfach noch einmal in diesem Gewahrsein zu lesen.
Währenddessen zuckt meine Zunge wie ein Zitteral bei Gewitter. So stelle ich es mir jedenfalls vor. Und deswegen war ich auch um so erstaunter, als die zahnmedizinische Fachangestellte mir nach der letzten Behandlung ungefragt attestierte, ich hätte eine gute Zungenkontrolle.
(Das hat mir noch niemand gesagt. Weder ein Zahnarzt, noch meine zahlreichen Lehrer, Vorgesetzte oder meine bescheidene Menge an Liebhabern.)
Zahnärzt*innen und ich führen jedenfalls seit jeher eine schwierige Beziehung.
Ich bin nämlich eine Nomadin.
Ich wäre gern eine digitale Nomadin, bis jetzt bin ich aber nur eine dentale.
Traumatische Erlebnisse in der Vergangenheit haben mich meine Zahnärzte wechseln lassen, wie andere die Ersatzpatronen des Duftspenders von Rituals im Auto.
Ich trieb sie zum Wahnsinn, indem ich unter Lachgas weinte oder die verrücktesten Ausreden für kurzfristige Terminabsagen erfand.
Ich redete vor Stress meine Behandlerinnen und deren Assistentinnen in Grund und Boden, bis sie sich die Haare aus dem Kopf zogen und blind in den Straßenverkehr liefen wie Menschen, die dem Grauen ins Auge geblickt hatten.
Ich versuchte zudem absurde Besänftigungsstrategien: Ich machte Heiratsanträge und versprach Erwähnungen im Testament. Ich buk warme Apfelstrudel und probierte mich in anderen Arten von Naturalientausch.
Alle Versuche, meine Angst zu bewältigen hatten jedoch früher oder später immer nur eines zur Folge:
Ich ging irgendwann nicht mehr hin.
Ich führe das auch ein wenig auf das Erbe meines Vaters zurück, der Zeit seines Lebens sehr empfindlich auf jede Art von unfreiwilligen Interventionen mit seinem Körper reagierte.
Mütterlicherseits kann es sich allenfalls um rezessives Erbgut handeln. Meine Großmutter sagte einmal nach einer Zahnextraktion ohne Narkose: „Oh, ist es schon vorbei?“
So konnte ich jedenfalls bereits auf einen beträchtlichen Renovierungsstau zurückblicken, als ich mich diesen Sommer nach Jahren endlich entschloss, meine Zahnsituation nachhaltig zu verbessern und einen neuen Versuch bei einer neuen Zahnärztin zu wagen. Ich hatte meine stressbedingte Logorrhöe mit therapeutischer Hilfe unter Kontrolle gebracht und meine ängstlichen inneren Anteile mit dem Schamanen meines Vertrauens an einen langen, ruhigen Fluss gesetzt. Darüber hinaus merke ich, dass ich im Laufe der fortschreitenden Jahre und den damit einhergehenden zunehmenden medizinischen Erfahrungen ein bisschen unempfindlicher geworden bin.
Ich hoffe das hält an.
Meine Zahnärztin macht jedenfalls unerschrocken weiter mit Brückenarbeiten, semihypnotischen Interventionen und exakt getroffenen Nerven.
Sie arbeitet routiniert und extrem schnell, ist immer freundlich und äußerst konsequent.
Und irgendwie scheint das alles zusammen einen guten Nerv bei mir zu treffen.